Ergotherapie bei Borderline: Wie Selbstwert und Alltagsstruktur gemeinsam wachsen

Wenn der Alltag zur täglichen Herausforderung wird

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung bewältigen ihren Alltag oft unter enormem innerem Druck. Wie der Deutsche Verband Ergotherapie e.V. (DVE) mitteilt, empfinden Betroffene häufig ein chronisches Gefühl von Leere, wenig Selbstvertrauen, Traurigkeit sowie Angst – etwa vor Ablehnung – und Wut. Ergotherapeutin Inga Löckher vom DVE beschreibt es so: Viele Betroffene fühlen eine innere Zerrissenheit, die sich durch nahezu alle Lebensbereiche zieht. Der Leidensdruck ist enorm, und die Betroffenen bewegen sich häufig wie regelrechte Überlebenskünstler durch ihren Alltag.

Nach aktuellem wissenschaftlichen Stand kann eine Borderline-Persönlichkeitsstörung durch das Zusammenwirken genetischer Veranlagungen, neurobiologischer Besonderheiten und psychosozialer Belastungen entstehen. Zu psychosozialen Belastungen können frühkindliche Traumata zählen, etwa nach körperlicher, psychischer oder sexueller Gewalt, Vernachlässigung oder Misshandlung. Auch ein abwertendes Umfeld kann laut DVE zur Entwicklung beitragen. Dennoch gilt: Nicht jedes belastete Kind entwickelt eine Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Weil uns Gesundheit und Lebensqualität am Herzen liegen, möchten wir in der Therapiepraxis Schabo erklären, welche konkreten ergotherapeutischen Ansätze Menschen mit einer Borderline-Symptomatik dabei unterstützen können, schrittweise mehr Handlungsspielraum und Selbstsicherheit zu gewinnen.

Spannungsskala und Skillsketten: Werkzeuge für den Alltag

Begleitend zu psychiatrischen Behandlungen erhalten viele Betroffene Ergotherapie. Im Mittelpunkt steht laut DVE die Bewältigung des Alltags. Ergotherapeut:innen arbeiten dabei unter anderem mit einer sogenannten Spannungsskala, auf der Klient:innen ihre subjektiv empfundene Anspannung auf einer Skala von 0 bis 100 erfassen. In sogenannte Spannungslisten tragen Betroffene anfangs mitunter stündlich – später in größeren Abständen – ihr Anspannungslevel sowie alle Aktivitäten und Erlebnisse des Tages ein.

Die Analyse dieser Listen im Reflexionsgespräch mit der Ergotherapeutin oder dem Ergotherapeuten verdeutlicht, welche Zusammenhänge zwischen bestimmten Ereignissen – etwa schlechtem Schlaf, Grübeln oder unregelmäßigen Abläufen – und einem erhöhten Spannungslevel bestehen. Entscheidend dabei: Die Eintragungen machen sichtbar, dass die Anspannung durch das eigene Verhalten beeinflusst werden kann.

Ergänzend dazu legen Ergotherapeut:innen gemeinsam mit ihren Klient:innen individuelle Skillsketten fest. Je nach persönlichen Interessen, Möglichkeiten und dem jeweiligen Anspannungsgrad können das beispielsweise Atemübungen, sportliche Aktivitäten wie Spazierengehen, das Anrufen nahestehender Menschen oder – in besonders belastenden Momenten – das Aufsuchen einer Seelsorge sein. Zu wissen, dass und welche Optionen vorhanden sind, gibt Betroffenen Handlungsspielraum. Sie fühlen sich nicht länger handlungsunfähig, sondern erkennen: Sie haben eine Wahl.

Tagesstruktur als Grundlage für Selbstwirksamkeit

In Phasen von Antriebslosigkeit, die die Borderline-Symptomatik begleiten können, ist eines der übergeordneten Ziele der Ergotherapie laut DVE, die Tagesstruktur der Betroffenen aufrechtzuerhalten. Menschen mit dieser Persönlichkeitsstörung stufen sich und ihre Handlungen oftmals als wertlos ein. Wenn es – auch dank gemeinsamer Absprachen und Vereinbarungen mit der Ergotherapeutin oder dem Ergotherapeuten – gelingt, morgens aufzubrechen und Dinge zu erledigen, entsteht am Abend die Erfahrung: „Ich hatte einen geregelten Tagesablauf und empfinde mich als selbstwirksam.“

Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist kein Nebeneffekt – sie ist ein zentrales Therapieziel. Ergotherapeut:innen schaffen dafür laut DVE einen sicheren Rahmen, in dem Klient:innen neue Erfahrungen mit Kommunikation, Grenzsetzung und Beziehungsgestaltung machen können. Grundlage ist dabei eine verlässliche, wertschätzende und professionell abgegrenzte therapeutische Beziehung.

Alltagsziele gemeinsam erarbeiten – mit viel Einfühlungsvermögen

Ergotherapeut:innen analysieren gemeinsam mit ihren Klient:innen, in welchen konkreten Alltagssituationen Anspannung, Impulsivität oder Vermeidung die Handlungsfähigkeit einschränken. Dabei werden individuelle Stressoren identifiziert: Manchmal sind es Enttäuschungen – ein abgesagtes Treffen, eine erlebte Zurückweisung – die das Selbstwertgefühl zusätzlich belasten und Verlustängste verstärken können.

Die gemeinsam erarbeiteten Strategien werden dann erprobt und schrittweise in den Alltag übertragen. Ziel ist langfristig eine bessere Betätigungsbalance – so bezeichnen Ergotherapeut:innen ein ausgewogenes Verhältnis unterschiedlicher Aktivitäten und Verpflichtungen. Dadurch verändert sich nach Angaben des DVE die Selbstwahrnehmung der Betroffenen, ihre Selbstsicherheit wächst und die soziale Teilhabe fällt leichter.

Auch der Wiedereinstieg in den Beruf nach einem Burnout kann eine solche Phase sein, die ergotherapeutisch begleitet wird. Hier üben Ergotherapeut:innen mit ihren Klient:innen zum Beispiel Kommunikationsstrategien oder führen Rollenspiele durch, damit es gelingt, sich in den Arbeitsalltag zu reintegrieren und gleichzeitig die eigenen Bedürfnisse und Rechte klar zu vertreten.

Diagnosen verstehen – und nicht als alleinige Identität begreifen

Ein wichtiger Aspekt im Umgang mit Borderline ist auch der bewusste Umgang mit der Diagnose selbst. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) greift dieses Thema in einer Veranstaltungsreihe auf: Im Rahmen des Refresher Psychotherapie beschäftigt sich ein Vortrag am 2. Dezember 2026 mit der „Macht der Diagnosen“ und zeigt laut BDP, wie Diagnosen Orientierung geben, aber zunehmend auch Identität und Erwartungen formen können. Gerade in sozialen Medien verschieben Diagnosen demnach die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit. Für Menschen mit einer Borderline-Diagnose ist es deshalb hilfreich, die eigene Erkrankung einordnen zu können – ohne sich ausschließlich über sie zu definieren.

Ergotherapie kann dabei einen wertvollen Beitrag leisten: nicht indem sie eine Diagnose wegdiskutiert, sondern indem sie mit den Betroffenen gemeinsam den nächsten Schritt geht – hin zu mehr Handlungsfähigkeit, Alltagsstabilität und sozialer Teilhabe.

In der Therapiepraxis Schabo: Gemeinsam den nächsten Schritt gehen

Auch in der Therapiepraxis Schabo in Kaiserslautern arbeiten wir mit viel Einfühlungsvermögen und einem individuellen Blick auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Menschen. Wir begleiten Erwachsene mit verschiedenen Diagnosen dabei, Alltagskompetenzen zu stärken, Strukturen aufzubauen und mehr Selbstsicherheit zu gewinnen – ob in der Praxis oder, wenn medizinisch verordnet, in Ihrer gewohnten Umgebung. Wir sind gerne für Sie da und freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme – telefonisch oder über unsere Website unter therapiepraxis-schabo.de. Die Informationen zu den ergotherapeutischen Ansätzen in diesem Beitrag stammen unter anderem von klamm.de, das über eine entsprechende Mitteilung des DVE berichtete.

Quellen

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